Pünktlich
zum Sommerferienbeginn gibt es in Kehl eine Wand, an der Sprayer ganz legal
ihr Hobby ausüben können: Die Südseite der Guts-Muths-Halle,
also die Wand, die zur Kinzigstraße zeigt, ist von Ober-bürgermeister
Günther Petry zum Besprayen freigegeben worden.
Die Guts-Muths-Halle steht auf dem Gelände, auf dem die Lübecker Firma HBB ein Einkaufszentrum bauen wird. Bis auf weiteres bleibt die Halle aber noch erhalten und wird von den Tulla-Realschülern für den Sportunterricht sowie von Vereinen für ihre Trainingseinheiten genutzt. Und so lange können Jugendliche die südliche Außenfassade mit Graffitis besprühen.
Die Kunstwerke, die dabei herauskommen, werden mit darüber entscheiden, ob ein langgehegter Wunsch des Kehler Jugendgemeinderats in Erfüllung geht: Das Gremium hatte bereits in seiner Februar-Sitzung geäußert, dass die jungen Sprayer in der Stadt gerne den Fahrradschuppen beim Hallenbad mit farbenfrohen Graffitis verzieren würden. Die Guts-Muths-Halle ist nun der Testfall: Klappt hier alles problemlos, ist die Freigabe des Fahrradschuppens in Aussicht gestellt.
Die Kehler Jugendgemeinderäte freuen sich über diese Nachricht ebenso wie die nach Schätzung der Jugendlichen mindestens 20 Mitglieder zählende Kehler Sprayer-Szene, für die Christophe Barreau und Anna Blattner sprechen. Der amtierende Jugendgemeinderat und seine ehemalige Kollegin haben zum 25-jährigen Bestehen der Kehler Kläranlage im Mai bereits die Pumpwerke mit leuchtend bunten Bildern besprüht und dafür viel Lob geerntet. Allerdings mussten sie dem zur Stadt gehörenden Eigenbetrieb Technische Dienste einen Entwurf präsentieren, bevor sie loslegen konnten. An der Guts-Muths-Halle darf nun jeder sprühen und seine Ideen verwirklichen.
Welche
Vorteile hat eine legale Sprühfläche für Sprayer und welche
für die Stadt. Wir haben bei Anna Blattner und Christophe Barreau nachgefragt:
Welche Vorteile hat eine Freifläche für die Sprayer?
Anna Blattner: An einer Freifläche kann jeder Sprayer seine Kunst
ausleben, ohne rechtliche Folgen befürchten zu müssen. Außerdem
kann man sich dort mit anderen Sprayern treffen und austauschen. An einer
freien Fläche kann man sich außerdem so viel Zeit nehmen wie
nötig, was unter anderem dazu führt, dass die Bilder gut ausgearbeitet
werden können.
Christophe Barreau: Sprayer können an legalen Flächen ihr wahres
Können an den Tag legen, da sie unter keinerlei Zeitdruck stehen. Sie
haben nicht zu befürchten angezeigt oder abgeführt zu werden.
Zu dem können wir Sprayer noch eine Menge dazulernen, wenn wir anderen
beim Sprühen zuschauen und das Ergebnis bewundern. Somit steigt auch
das Ansehen "Fame" eines Sprühers.
Worin liegt der Vorteil einer Freifläche für die Stadt?
Anna Blattner: Eine legale Freifläche ist eine Bereicherung für
die Stadt im sozialen und kulturellen Bereich. Zudem kann eine solche Fläche
dazu beitragen, die Sachbeschädigungen durch Sprayer zu vermindern,
da sie nun einen Ort haben, wo sie ihre Kunst legal ausüben dürfen
und nicht durch Mangel an solchen Freiflächen zur Illegalität
verleitet werden. Zudem werden darauf immer aktuelle Bilder zu sehen sein,
da die älteren Werke leider aus Platzmangel übermalt werden. Ein
weiterer Aspekt ist, dass durch eine Freifläche die Graffiti-Kunst
den Kehler Bürgern näher gebracht werden kann. Denn oft bleiben
die Leute stehen und schauen uns Sprayern beim Malen zu oder erkundigen
sich über den Aufbau eines solchen Bildes und möchten wissen,
ob wir das alles frei aus dem Kopf malen. So sind schon interessante Gespräche
zustande gekommen.
Christophe Barreau: Die Stadt kann schon mal eine Menge Reinigungskosten
sparen. Das ist, denk ich mal, das Wichtigste. Die Sprayer, die ihre Fähigkeiten
zeigen wollen, müssen dies nicht mehr auf Flächen tun, die anschließend
gereinigt werden müssen. Hinzu kommt noch, dass die Bilder eine Verschönerung
der Stadt sind. Die hässlichen Werke werden nämlich schnell von
bessern überdeckt. Und sogar schlechte Werke sehen besser aus als eine
graue kahle Wand. Die Jugendkultur kommt auch mit Erwachsenen in Kontakt.
Es passiert oft, dass Erwachsene sich beim Vorbeilaufen erkundigen, wie
denn jetzt was gemacht wird. Eines finde ich auch noch wichtig und zwar,
dass die Stadt besser und toleranter dasteht - aus Sicht der Jugend. Das
ist doch schon mal was oder?
Warum ist die Fläche das Guts-Muths-Halle ideal für Sprayer?
Anna Blattner: Sie ist die erste freigegebene Fläche in Kehl. Das
ist schon ein sehr großer Fortschritt. Außerdem grenzen die
freien Wände an eine viel befahrene Straße, was dazu beiträgt,
dass die Graffitis von vielen Leuten gesehen und beachtet werden.
Christophe Barreau: Nun ja, es sind Wände da und die darf man besprühen.
Diese Flächen sind aber etwas klein.
Wollt ihr den Fahrradschuppen beim Hallenbad trotzdem noch besprühen?
Anna Blattner: Bunte Wände sind eine Bereicherung für die Stadt.
Die grauen Betonwände des Fahrradschuppens sehen sehr trist aus, was
jedoch schnell geändert werden könnte. Der Fahrradschuppen hat
eine ideale Größe, um bemalt zu werden, denn er ist hoch und
lang genug, um mit vielen schönen Bildern besprüht zu werden.
Christophe Barreau: Der Fahrradschuppen muss unbedingt freigegeben werden!
Was sollen wir Sprayer denn tun, wenn die Guts-Muths-Halle abgerissen wird?
Der Fahrradschuppen ist grau und hässlich. Wir könnten ihn verschönern.
Dazu kommt noch, dass die Flächen am Schuppen höher sind als die,
die man bei der Halle zur Verfügung hat. Man muss sich also weniger
hinknien.
Könnt ihr einschätzen, wie viele Sprayer es in Kehl gibt, aus welchem Umfeld sie kommen und wie alt sie im Schnitt sind?
Anna Blattner: Sprayer gibt es in allen sozialen Schichten, mit vielen
verschieden Nationalitäten, verschiedenen Schulabschlüssen und
verschiedenen Musikrichtungen (auch wenn Graffiti eine der Säulen des
HipHops ist, neben Breakdance, DJing und Rap). Auch die Altersklasse kann
man allgemein nicht genau definieren, vielleicht zwölf bis 80 Jahre,
obwohl die meisten wohl so zwischen 14 und 35 Jahren alt sind. Die Zahl
der Sprayer in Kehl, einschließlich Ortschaften, schätze ich
auf mindestens 20.
Christophe Barreau: Ich schätze in Kehl und Umgebung gibt es so an
die 40 Sprayer. Es gibt welche, die 14 oder auch welche, die 45 Jahre alt
sind. Die Sprayer haben die verschiedensten Nationalitäten, kommen
von unterschiedlichen Schulen. Ich denke, es gibt mehr Hiphopper, die sprayen.
Ich meine es gehört einfach dazu, so wie Breakdance, Rap oder Beatbox.
Natürlich gibt es auch anders Interessierte, die sprayen.